Somewhere between the Moon and ...Der Mond hat eine Perle geweint ...

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Für den Drachen WB ?

Arbeitstitel: Piratten

oder auch

EMERALD EVE und die Red Onyx

Tane

Im Allgemeinen galt Horatio P. Sebastien nicht als verrückt oder gar nicht zurechnungsfähig. Ganz im Gegenteil! Aber an diesem Morgen zweifelte Navigator Peta Tane ernsthaft am Geisteszustand des Captains. Wie sonst ließ es sich erklären, dass er die Route für seine nächste Fahrt ausgerechnet dem Hafenmeister von Port Victoria Island mitgeteilt hatte. Der größten Plaudertasche im bekannten Universum. Natürlich mußte er seine Route vor dem Start abgeben. Aber welcher Captain hielt sich schon exakt daran.
Peta hatte sich gar nicht wohlgefühlt in ihrer Haut, als diese Seefahrer sie im Café ausfragen wollten. Besonders geschickt hatten sie sich dabei nicht angestellt und sie war sie schnell wieder losgeworden.
Jetzt bemühte sie sich, so wenig wie möglich aufzufallen, denn es konnte durchaus sein, dass sich auch andere für die Pläne des Captains interessierten. Peta schlug den Kragen ihrer Jacke hoch und zog sich die Strickmütze bis über die Ohren herunter. Zum Glück hatte sich Mags bereits unter ihrer Jacke versteckt. Er mochte den Weg durch die Röhre nicht. Sie würde es nie zugeben, aber Peta wurde leicht seekrank. Deshalb nahm sie nie die Fähre zur Insel hinüber sondern immer das Transportband, das durch die transparente Röhre lief, die über den Meeresboden entlang hinüber zur Insel führte. Normalerweise genoß Peta diesen Weg. Doch heute fühlte sie sich wie in einer Falle. Wenn sie bloß schon an ihrem Ziel wäre. Oder, besser noch, wieder Zuhause, im Hauptsitz ihres Clans oben in den kanadischen Bergen.




Der Schnee fiel früh in diesem Jahr. Unbemerkt war er über Nacht gefallen, hatte die Landschaft in seine weiße Decke gehüllt und allem eine weiche Kappe aufgesetzt.

Peta saß auf der gepolsterten Fensterbank in ihrem Wohnzimmer und sah den watteweichen Flocken zu, die leise zur Erde schwebten. Sie kuschelte sich enger in ihren Morgenmantel und nahm einen Schluck von der heißen Schokolade, die ihr das Mädchen gebracht hatte. Unbewußt strich sie mit den Fingern über die Tätowierung auf den rechten Fußknöchel. Nach einem letzten Blick hinaus in die weiße Winterlandschaft wandte Peta ihre Aufmerksamkeit wieder dem Aufnahmegerät zu, das auf ihrem Arbeitstisch lag. Es fehlten nur noch ein paar Sätze, dann konnte sie ihre Arbeit beenden. Peta rutschte von der Fensterbank herunter und ging auf bloßen Füssen über den weichen Teppich hinüber zum Tisch. Sie stellte die leere Tasse auf dem Tablett ab und aktivierte das Aufnahmegerät.
„Wir sind fristgerecht auf Algodon gelandet. Die Fracht, landwirtschaftliche Geräte, wurde schon dringend erwartet und der Cap konnte einen wirklich guten Preis erzielen. Für den Rückweg haben wir botanische Erzeugnisse des Planeten aufgenommen. Algodon ist berühmt für seine Heilpflanzen. Der gesamte Frachtraum war innerhalb kürzester Zeit ein kleiner botanischer Garten. Einen der Bäume hätte ich gerne mit nach Hause genommen. Eine kleine Blaudorne, eine Art Esche. Durch die höhere Gravitation werden die Bäume auf Algodon nur etwas kniehoch. Auf unserem Heimweg hat die Blütezeit begonnen. Es war ein fantastischer Anblick, der ganze Frachtraum schwamm in einem blauen Blütenmeer. Aber leider war die komplette Fracht für das Pharmazeutische Institut bestimmt und ich konnte keinen der Bäume zur Seite bringen. Der Captain ist in solchen Sachen sehr eigen.“

Peta nahm einen Blütenzweig vom Schreibtisch, der aussah als ob man ihn in Gelatine eingelegt hätte. Sie hatte den Zweig von einem der Bäume abgebrochen und ihn in „weiches“ Harz gelegt, ein Material, das Gegenstände eng umschloss, sie schützte, ihnen aber doch die ihren eigene Elastizität bewahrte. Behutsam strich sie über eine der zarten blauen Blüten. Dieser Zweig würde nie verblühen.
„Der Rückflug verlief ohne nennenswerte Vorfälle. Die Fracht wurde gelöscht. Die EMERALD EVE befindet sich im Dock, wird durchgecheckt, die Vorräte ergänzt. Ende Bericht 38/2487“

Das leise Knacken des Aufnahmegerätes war für Mags das Zeichen, dass Peta fertig war. Der kleine Felsenkater sprang von der Fensterbank, von wo aus er versucht hatte, Schneeflocken zu fangen. Mit einem leisen Plumps landete er auf dem Boden und lief mit geschmeidigen Bewegungen auf Peta zu. Gurrend rieb er seinen Kopf an ihren Knöcheln. Peta verstand die Aufforderung sofort und nahm ihn auf den Arm. Mags gluckste leise und ließ seinen Kopf zufrieden auf ihre Schulter fallen. Peta strich ihm über das cremefarbene Fell. Wie schnell sich das kleine Fellbündel zu einem ausgewachsenen Kater gemausert hatte. Sie hatte ihn auf Melis 4 entdeckt. Er hat sich an Bord geschlichen und sich in ihre Kabine unter dem Bett versteckt. Sie hatte von den Felsenkatzen von Melis gehört. Von diesen eigensinnigen wunderschönen Geschöpfen, die nicht gezähmt werden konnten. Felsenkatzen suchten sich ihren Besitzer selber aus. Und Mags hatte sich für Peta entschieden. Er unterschied sich nicht besonders von anderen Katzen. Abgesehen davon ,dass er nicht miaute oder schnurrte. Und dass sein cremefarbenes Fell an Beinen, Pfoten und am Schwanz in ein kräftiges Blau überging. Und da waren auch noch seine großen Pinselohren, die einem Luchs gut gestanden hätten. Pinselohren, von denen Captain Sebastien behauptete, dass Mags damit gut und gerne das Logbuch schreiben könnte, wenn die modernen Medien einmal ausfallen sollten.

Peta mochte es gar nicht, wenn der Captain Witze auf Kosten ihres Haustieres machte. Doch abgesehen von dem Spaß mit den Ohren begegnete er dem kleinen Wesen mit Höflichkeit und Respekt. Und Peta konnte noch immer nicht mit Gewissheit sagen, ob die Thunfischdosen (im eigenen Saft) nicht nur deshalb zur Standardverpflegung der EMERALD EVE gehörten, weil das Pinselohr verrückt danach war.

Mags machte sich plötzlich ganz steif und seine Ohren zuckten in Richtung Tür. Peta ließ ihn hinunter und er hoppelte dorthin und legte sich auf die Lauer. Kopf auf die Pfoten, sein Schwanz zuckte. Es klopfte. Erwartungsvoll streckte Mags das Hinterteil nach oben und wedelte mit dem Schwanz.

„Herein“. Die Tür ging auf und der Kater stürzte sich auf das Mädchen, das hereintrat. Magali kraulte den aufgeregten Kater zwischen den Ohren. Dann richtete sie sich auf und machte wieder ein unbeteiligtes Gesicht. Peta grinste heimlich. Magali nahm es ihr immer noch übel, dass sie es ihr nicht gestattet hatte, sich um ihre Ausrüstung zu kümmern. Dabei hatte sie ihr doch genau erklärt, dass sie es sich einfach nicht leisten konnte, sich bei der Reinigung und Wartung ihrer wichtigen Ausrüstungsgegenstände auf jemanden anderen zu verlassen. Magali hatte genickt und die Schmutzwäsche in den Waschraum gebracht. Und seitdem war sie eingeschnappt. Peta war ziemlich sicher, dass Magali nicht besonderen Pflichteifer an den Tag legte, sondern schlicht und einfach neugierig war. Sie wußte, wie das war. Jedes Clanmitglied mußte eine Zeitlang im Hauptsitz des Tane-Clans im Haushalt mithelfen. Auch Peta hatte ihren Dienst abgeleistet. Da war man für jede Ablenkung dankbar. Ihr war es nicht anders ergangen. Und sie gab ehrlich zu, dass die Hausuniform Magali besser stand als ihr damals. Das schlichte schwarze Kleid saß vorzüglich auf ihrer zierlichen Figur und die blonden Locken quollen nur so unter der weißen Spitzenhaube hervor.
Petas Haare quollen nirgends hervor. Das hellbraune Haar schmiegte sich glatt an den Nacken, vorne war es zwei Haarsträhnen gestattet, bis auf Kinnlänge zu wachsen. Unter dem fransigen Pony guckten grüne braungesprenkelte Augen aufmerksam in die Welt. Peta war alles andere als zierlich. Sie überragte die andere um mindestens anderthalb Köpfe.

Magali machte einen förmlichen Knicks in Petas Richtung und fing dann an, das Geschirr auf dem Tablett zusammenzustellen. Vor nicht einer Stunde hatte sie Peta das Frühstück gebracht und war dabei genauso reserviert gewesen wie jetzt. Peta war gespannt, wie lange das wohl anhielt. Magali mußte vor Neugierde schon platzen. Normalerweise wollte sie immer alles ganz genau über Petas Touren wissen. Aber normalerweise war sie auch nicht Peta als Zimmermädchen zugeteilt.
Peta beschloss abzuwarten, bis Magali von sich aus einlenkte und schlenderte gemächlich zur Fensterbank zurück. Ein paar freie Tage lagen vor ihr und nachdem sie mit ihrem Bericht fertig war, gab es nichts, was sie daran hindern könnte, diese zu genießen. Sie hatte es sich auf der Fensterbank gerade wieder richtig bequem gemacht, als die Kommunikationseinheit ein Gespräch meldete. Gelangweilt blickte Peta zu dem blinkenden Gerät hinüber. Es konnte sich doch nur um ein Familienmitglied handeln, das sich mit ihr zum Mittagessen verabreden wollte.

„The Residence, Sie wünschen bitte?“ Im Gegensatz zu Peta hatte Magali sofort gehört, dass dies ein externes Gespräch war und deshalb meldete sie sich korrekt. Magali brauchte keinen Namen zu nennen. Ihre Reaktion auf den Anrufer genügte Peta völlig. Das war garantiert keine Einladung zum Mittagessen. Resignierend nahm sie das Gespräch entgegen.



Der Schnee fiel den ganzen Morgen weiter. Weiße Flocken aus einem weißen Himmel. Doch Horatio P. Sebastien bemerkte es kaum. Wetter war etwas, was man in Kauf nehmen mußte, wenn man auf Heimaturlaub war, aber das Beste was man tun konnte war, es zu ignorieren.
Der Captain und Eigner der EMERALD EVE nahm weder den Schneefall zur Kenntnis, noch das fröhliche Rufen und Kreischen der Kinder, die den ersten Schnee und jeden sich bietenden rutschenden Untersatz für eine vergnügte Rutschpartie ausnutzen. Schließlich hatte er sich seine Wohnung im 47. Stock des Asimov Towers in Wingard gerade deshalb ausgesucht, weil man von dort aus nicht mitbekam, was auf dem Erdboden geschah. Capt. Sebastien bevorzugter Aufenthaltsort war der Weltraum und im Moment war er damit beschäftigt, seine Crew für eine neue Fahrt dorthin zusammenzustellen.
Soeben hatte er mit seinem Navigator gesprochen. Fast bedauerte er es, dass er für dieses Gespräch nur die Tonübertragung gewählt hatte, denn zu gerne hätte er Petas Gesicht gesehen, als er ihr seine Pläne mitgeteilt hatte. Begeistert war sie bestimmt nicht gewesen, nachdem sie erfahren hatte, dass ihr Landurlaub nach nicht mal zwei Tagen zuende war, aber sie hatte sich nichts anmerken lassen, denn Peta war eine Tane und HPS hatte ihre Zusage. Sie würde pünktlich am nächsten Tag neben der Startrampe stehen. Abflugbereit.

Horatio trank den schon lauen Rest Kaffee aus seinem Kaffeebecher aus und stand auf, um sich mit frischen Kaffee aus der Maschine zu versorgen. Die Zweiliter-Kanne war schon fast wieder leer. Er trank zuviel Kaffee.

Horatio brachte den gefüllten Becher zurück an seinen Arbeitstisch, der mit Papieren und Sternenkarten übersät war. Er verstand sich gut mit Clärchen, seiner Hauspositronik, aber gewisse Dinge nahm er gerne in die Hand. Dazu gehörten auch die Personalakten seiner Crew. Diese lagen fein säuberlich auf einem Stapel. Horatio nahm einen großen Schluck von dem heißen aromatischen Getränk und warf nochmals einen Blick auf die oberste geöffnete Akte. Peta Tane lächelte ihm von der ersten Seite entgegen. Wirklich ein gelungenes Foto. Er überflog kurz ihre Daten, die er auswendig kannte, und seine persönlichen Anmerkungen dazu, die niemals den Weg in eine DV finden würden.

Horatio hatte jetzt seine reguläre Mannschaft zusammen, doch diese Reise würde etwas ganz besonderes werden. Er hatte lange darauf hingearbeitet, sorgfältig geplant und jetzt war es endlich soweit. Nichts durfte dem Zufall überlassen werden. Horatio lehnte sich in seinem Sessel zurück und preßte die Fingerspitzen gegeneinander. Seine hellblauen Augen waren auf nichts Besonderes gerichtet. In Gedanken ging er alles nochmals durch. Nein, er würde ganz bestimmt nichts dem Zufall überlassen. Aus diesem Grund hatte er sich für einen neuen Sicherheitsbeauftragten entschieden. Julien Drake war einer der besten auf seinem Gebiet und mit ihm an Bord würde das Unternehmen gelingen. Es war schwer gewesen, Kontakt zu ihm aufzunehmen, aber Capt. Sebastien konnte eine Hartnäckigkeit an den Tag legen, die man ihm gar nicht zutraute. Er legte meist eine eher kumpelhafte Art an den Tag und verzichtete auf alle militärische Ehrerbietungen an Bord der EMERALD EVE. Trotzdem fehlte es der Mannschaft nicht an Respekt ihm gegenüber. Er erreichte fast die 2 Meter und war gut trainiert, auch wenn Tjus, der Smutje der Meinung war, dass er durchaus noch etwas Speck auf den Rippen vertragen konnte. Der Captain selbst bezeichnete sich als zäher Knochen. Er galt als hartnäckiger Verhandlungspartner und hervorragender Raumfahrer. Seinem guten Ruf und seinen guten Kontakten war es schließlich zu verdanken gewesen, dass sich Julien Drake sein Angebot angehört hatte. Und er sprach es seinen Überredungskünsten zu, dass er es schließlich auch angenommen hatte.

Gedankenverloren hob Capt. Sebastien den Kaffeebecher zum Mund und stellte überrascht fest, dass er ihn schon wieder ausgetrunken hatte. Und nicht nur das, die Kaffeekanne war ebenfalls leer. Er trank wirklich zuviel Kaffee. Doch während er noch überlegte, ob er seinen Kaffeekonsum nicht etwas einschränken sollte, gab er Clärchen schon die Anweisung, neuen Kaffee zu kochen.


Als er sich vorbeugte, um seine Stiefel zu schließen, rutschte sein Amulett mal wieder aus dem Halsausschnitt heraus und baumelte vor seiner Brust hin und her. Er nahm es und betrachtete gedankenverloren das Symbol darauf, welches er seit seiner Kindheit kannte. Ein großer Drache mit ausgebreiteten Flügeln, dessen Schweif sich schützend um einen Planeten legte. Julien Drake wog die Münze kurz in der Hand, dann ließ er sie wieder in den Halsausschnitt gleiten und zog energisch den Verschluss bis oben zu. Fürs erste ging es niemanden was an, welchem Clan er angehörte.
Er schnürte seine Stiefel zu und stand dann auf, um in die dicke Fliegerjacke zu schlüpfen. Sein Blick glitt schnell durch das Zimmer. Viel zu bieten hatte es nicht. Es war halt eines von vielen Tausenden Hotelzimmer in den Trabantenstädten die Küste Nuovit entlang. Julien hatte am Abend vorher das erst beste gewählt und eingecheckt, denn auf Port Victoria Island selbst gab es nur eingeschränkt Unterkünfte, und auch die nur für das Raumhafen- und Wartungspersonal.
Sein prüfender Blick zeigte, dass er nichts vergessen hatte. Julien hievte sich seinen Seesack über die Schulter und griff nach dem Koffer, der seine Waffen enthielt. Für die Kontrollen mußten diese separat transportiert werden.
Mit ein paar Schritten war Julien am Aufzug am Ende des Flures. In gut einer Stunde würde eine Fähre hinüber zur Insel abgehen und er würde Capt. Sebastien treffen. Sie hatten sich im Hauptterminal verabredet, vor der Skulptur ZU DEN STERNEN, einem beliebten Treffpunkt.
Julien war gespannt, ob Cap. Sebastien seinem Ruf gerecht werden würde. Wenn er ehrlich war, so war er schon neugierig, was für eine Fahrt das war, für die ein Experte in Sicherheitsfragen gebraucht wurde.
Ohne allzu großes Interesse betrachte er sein Spiegelbild in der glänzenden Oberfläche des Aufzugschachtes. Er kam nach der Familie seiner Mutter. Hochgewachsen, breit in den Schultern, mit seinen dunkelblonden Haaren konnte er kaum seine Zugehörigkeit zu den Macs verbergen. Nur der Name seines Vaters bot ihm für den Anfang eine gewisse Tarnung. Julien grinste sein Spiegelbild schief an. Wenigstens war er keine gedrungene Schlägertype mit Blumenkohlohren und Boxernase. Der Aufzug ließ sich Zeit. Er konnte den Turbolift an seiner Etage vorbeizischen hören. War wohl eine V.I.P. Einstellung. Theoretisch hätte auch Julien Anspruch auf diese Sonderbehandlung. Aber er beschloss, ruhig abzuwarten, bis er an der Reihe war. Er hatte genügend Zeit und würde seine Fähre rechtzeitig erreichen. Müßig beobachtete er die wirbelnden Schneeflocken. Hier oben waren sie noch weiß und rein, aber auf dem Boden würden sie sich in rutschigen Schneematsch verwandeln. Zuhause türmten sich die Schneemassen im Park. Seine Gedanken drifteten ab. Für einen kurzen Moment war er wieder auf THE TOWERS, dem Sitz seines Clans in den Weiten des schottischen Hochlands. Die Kinder des Clans tummelten sich im Park, ihr fröhliches Gekreische erfüllte die Luft. Die größeren Jungs lieferten sich eine wilde Schneeballschlacht und Julien war damit beschäftigt, seiner Nichte Miranda möglichst unauffällig beim Bau eines großen Schneemanns „den größten und schönsten auf der ganzen weiten Welt“ zu helfen, und denselben gegen die Angriffe seines kleinen Cousins zu verteidigen. Gerade stürzte sich der Kleine auf ihn und lachend ließ sich Julien von ihm rücklings in den weichen Schnee werfen.
DINNG! Erschrocken blickte Julien Drake auf die sich öffnende Aufzugstüren. Für einen Moment war er völlig abwesend und somit angreifbar gewesen. Beunruhigt betrat er den Aufzug. Das durfte nicht passieren, so sehr er sich auch nach seinem Clan sehnte. Wichtig war jetzt nur der neue Auftrag. Entschlossen drückte er die Taste für das Untergeschoss. Von dort aus würde ihn ein Rollband direkt zur Fähre bringen.




Als das Terminal in Sicht kam atmete Peta unmerklich auf. Der Weg durch die Röhre war völlig ereignislos verlaufen, ohne besondere Vorkommnisse. Wahrscheinlich hatte sie sich die Bedrohung nur eingebildet. Mags begann unter ihrer Jacke zu rumoren. Den größten Teil der Strecke hatte er verschlafen, jetzt wurde er munter. Peta öffnete die Jacke und der Kater kletterte heraus und auf ihre Schulter hinauf. Mit einem Ruck riss sich Peta die Mütze vom Kopf und schüttelte die zerdrückten Haare. Tief atmete sie die kühle Luft ein.
Inzwischen befand sie sich auf einem der offenen Laufbänder, die von der Küste aus zum Hauptterminal führten. Sie kannte ihren Verlauf. Gleich würde das Band sie nach oben tragen und sie würde das Terminal über den Aufgang der ersten Galerie erreichen.

Peta freute sich schon auf den Anblick, der sich ihr gleich bieten würde. Das Band führte einmal quer durch die Halle und sie würde eine fabelhafte Aussicht auf ZU DEN STERNEN haben. Jedesmal, wenn sie die Skulptur sah, nahm sie sich vor, ihre Aufgaben ganz im Sinne ihrer Ahnen zu erfüllen. Das Transportband passierte eine Schleuse und dann öffnete sich der Weg in das große prachtvolle Hauptterminal von Port Victoria Island. Unter der gläsernen Kuppel, auf einer fast hüfthohen Plattform aus Rosenholz reckten sich die schlanken blauen Kristallformen in die Höhe. Es blieb dem Betrachter selbst überlassen, was sie darstellen sollten. Peta sah in ihnen Lebewesen, Menschen, deren Glieder sich in fließenden Bewegungen aus dem Wasser reckten. Blicklose, nur angedeutete Gesichter schauten nach oben, den Sternen entgegen. Doch noch waren sie mit dem Wasser verbunden und somit an die Erde gebunden. Noch!

Sie wußte, dass sie mit ihrer Interpretation nahe an die Absicht des Künstlers herankam, denn in den Chroniken des Clans wurden seine Skizzen und Notizen noch immer aufbewahrt. Die fließenden Formen und die verschiedenen Blautöne sollten das Wasser darstellen. Denn für den unbekannten Künstler symbolisierten die Tanes das Wasser. Wie Wasser fanden auch sie immer einen Weg.

Mags respektierte normalerweise Petas Grübelei. Doch heute reagierte er äußerst merkwürdig. Er streckte den Schwanz steil nach oben und sein Nackenfell sträubte sich. Dazu zischte der Felsenkater wie eine wütende Kobra. Peta schreckte aus ihren Gedanken auf. Was war los? Aufmerksam sah sie sich um. Und entdeckte, was den Kater so aufgebracht hatte. Am Ende des Transportbandes warteten sie schon. Die drei Kerle aus dem Café. Die Stelle war wirklich gut gewählt, denn dort würde sich Peta nicht unbemerkt an ihnen vorbeidrücken können. Sie rückte den Gurt ihres Seesacks zurecht, ein Gepäckstück das eigentlich nur noch dem Namen nach an die Seesäcke früherer Seefahrer erinnerte und schaute dabei unauffällig nach hinten. Die waren wirklich gut! Ein Stück hinter ihr ließen sich zwei vom gleichen Kaliber vom Band davontragen. Entweder waren sie erst auf der Insel zugestiegen oder hatten sie schon seit dem Festland verfolgt, bis jetzt aber genügen Abstand gehalten. Aber das war jetzt sowieso egal. Peta war verärgert. Sie hatte absolut keine Ahnung, was der Captain dem Hafenmeister erzählt hatte und vor allem nicht, was er vorhatte. Aber bei dem Aufwand, den die Männer betrieben schienen sie ihr nicht geglaubt zu haben.
Für Peta bestand kein Zweifel, dass sie den Kerlen wieder entkommen würde, sie war nur verärgert über die Zeit die sie das kosten würde.
Nach vorne und nach hinten war der Weg versperrt. Wenn sie jetzt das Transportband verließ, würden die Sensoren im Fußboden reagieren und ein Alarmsignal abgeben. Auf diese Weise wollte die Raumhafenleitung vermeiden, dass Selbstmörder oder ähnliche über die Galerie sprangen. Eine eigentlich sinnvolle Einrichtung, aber für Peta in diesem Augenblick äußerst störend. Es würde eine Aufmerksamkeit verursachen, die sie Moment wirklich nicht brauchen konnte. Das die Aufmerksamkeit ihr möglicherweise die Kerle vom Hals schaffen würde, hielt sie nicht für sehr wahrscheinlich, deshalb verfolgte sie den Gedanken auch nicht weiter.

Unter ihr schimmerte das Denkmal geheimnisvoll. Ihre Vorfahren hatten immer einen Weg gefunden. Und das würde sie auch. Schließlich war sie eine Tane.

Die normalen Wege waren versperrt. Also richtete Peta ihren Blick in eine komplett andere Richtung. Sie grinste, zog sich den Gurt ihres Seesacks über den Kopf, stopfte sich Mags kurzerhand wieder unter ihre Jacke und sprang! Nach oben! In die Verstrebung des Sonnensegels der Kuppel.



Julien Drake lehnte sich lässig gegen den Sockel der Skulptur. Er schlürfte Kaffee aus einem Becher, den er sich in einem der Bistros geholt hatte. Durch die großen Panoramafenster sah er hinaus aufs Rollfeld. Im schwachen Morgenlicht schimmerten die Hüllen der Raumschiffe. Irgendwo da draußen war auch die Emerald Eve. Bald würde er für ihre Sicherheit verantwortlich sein. Und die ihrer Mannschaft. Er würde sich mit ihnen bekannt machen, sie kennen lernen und gemeinsam würden sie zu fernen Sternen aufbrechen. Julien grinste und nahm einen Schluck Kaffee. Es war jedes Mal aufregend, eine neue Crew kennen zu lernen. Er kam gut mit neuen Menschen zurecht, passte sich an oder sorgte unauffällig dafür, dass man sich ihm anpasste. Dieses Mal würde es auch nicht anders sein. Neben ihm schaltete sich die indirekte Beleuchtung der Skulptur ein und sie begann, von innen heraus zu leuchten. Er bewunderte die schlanken Formen und leuchtenden Farben und sein Blick folgte dem der Kristallwesen. Für einen Moment sah er nicht den blassen Morgenhimmel über der Kuppel. Vor seinen Augen schob sich das Bild eines anderen Denkmales. Ein mächtiger Drache war es, im Sprung erstarrt, auf ewig eingeschlossen, ebenso das Material aus dem er bestand: feurige Lava, von schwarzen Adern durchzogen. Als kleiner Junge hatte er immer ein bisschen Angst vor dem Monument gehabt. Angst davor, dass Drache und Lava in dem Moment ausbrechen würden, in dem er davor stand. Und in der Tat glaubten manche Clansmitglieder, dass dies geschehen würde, wenn ein Verräter das Familienwappentier berührte.
Die Tanes mochten den Weg zu den Sternen gezeigt haben, aber es waren die MacCullens gewesen, die der neuen Menschheit den Schutz und die Wärme gebracht hatten. Schutz, Wärme und Energie. Julien spürte das Amulett unter seiner Jacke. Es wog schwer! Nicht nur das Material, auch die Verantwortung. Er trank seinen Becher leer und zerknüllte das leichte Material mit einer Hand. Energiegewinnung war nie sein Ding gewesen. Ohne groß zu zielen warf er den zerknüllten Becher in den nächsten Müllverwerter.
„Gut getroffen“, stellte jemand hinter ihm fest. In Sekundenschnelle ordnete Julien die Stimme ein und drehte sich deshalb ohne große Hast um. Er hielt viel von Auftraggebern, die ihre Termine pünktlich einhielten. Hinter ihm hatte sich Kapitän Horatio P Sebastien aufgebaut. Die Kapitänsmütze lässig auf dem Kopf, mit aufgeknöpfter Uniformjacke stand er da und musterte seinen neuen Sicherheitsbeauftragten trotz der frühen Morgenstunde mit wachen Augen. Was er sah, gefiel ihm wohl, denn ein leises Grinsen umspielte seine Mundwinkel und er streckte Julien die rechte Hand hin. Dieser schob mit dem Fuß seinen Waffenkoffer zur Seite und ergriff die Hand seines neuen Auftraggebers.
"Guten Morgen" begrüßte ihn der Kapitän und schüttelt seine Hand mit kräftigem Händedruck.
"Guten Morgen, Sir!" erwiderte Julien Gruß und Händedruck. "Lassen Sie doch den Sir weg, Drake. Auf der EVE sind wir nicht so förmlich. Käpt'n genügt völlig," Sebastien wollte sich nach Juliens Gepäck bücken, doch dieser war schneller. "Es geht schon, Käpt'n", versicherte er und hob sich mit geübtem Schwung den Seesack über die Schulter. Den Waffenkoffer hielt er bereits fest in der Hand. Förmlichkeit hin oder her, es gab gewisse Regeln und er würde sich von seinem Käpt'n nicht die Taschen tragen lassen. Der Kapitän sagte nichts, aber es schien, als würde er sich köstlich amüsieren.
Da es nicht so aussah, als ob Drake unter dem Gewicht seiner Sachen zusammenbrechen würde, nickte Sebastien ihm nur zu. "Die EVE ist abflugbereit. Wir können jederzeit starten. Kommen Sie, der kürzeste Weg führt durch den Ostflügel." Julien schob sich seinen Seesack zurecht und folgte dem Kapitän dann um das Denkmal herum zum nordöstlichen Ausgang.
"Vorsicht da unten!" rief plötzlich eine helle Stimme.

Es war wirklich ein guter Einfall gewesen, den Weg über die Führungsdrähte des Sonnensegels zu nehmen. Der Alarm war nicht ausgelöst worden, zu dieser Stunde war die Kuppel nur leicht erleuchtet und Peta hing relativ unbemerkt in der Luft. Fazit: Kein Alarm, keine Aufmerksamkeit. Das war der Vorteil. Der Nachteil war, dass die Führungsdrähte des Segels oben in der Kuppel aufeinander trafen, dies bedeutete, dass sich Peta nur nach oben hangeln konnte. Sportlich kein Problem, nur war dadurch der Weg zum rettenden Erdboden immer weiter entfernt. Außerdem begann Mags unter ihrer Jacke zu zappeln. Er wollte raus. Und der Gurt ihres Seesacks war verrutscht und drückte ihr fast den Hals ab. Peta maß die Entfernung zum Boden ab. Das könnte gerade so klappen. Noch weiter nach oben durfte sie nicht klettern. Mags war inzwischen ganz still geworden. Plötzlich machte er sich ganz lang und schlüpfte mit einem triumphierenden Krähen unter ihrer Jacke hervor. Er kletterte ihr auf den Rücken und krallte sich dort im Seesack fest. Er war glatt wie ein Aal und wenn er wollte, kam er immer überall hin. Peta grinste. Irgendwie war er ja auch ein Tane. Sie schaute wieder nach unten. Von hier aus hatte man einen wirklich fantastischen Blick auf das Denkmal. Inzwischen war die Beleuchtung stärker geworden und es leuchtete von innen heraus. Für einen kurzen Moment genoss Peta einfach nur die Aussicht. Dann wurde sie durch eine Bewegung abgelenkt. Kapitän Horatio P. Sebastien kam hinter dem Denkmal hervor. Ein zwei Schritte hinter ihm schleppte sich ein großer Kerl mit Seesack und Koffer ab. Ein neues Mannschaftsmitglied? Peta reagierte kurz entschlossen. Mit einem Ruck öffnete sie den Gurt ihres Seesacks. „Halt dich gut fest, Mags,“ riet sie dem Felsenkater, dann ließ sie den Gurt los. Einmal tief einatmen, „Vorsicht da unten!“ rufen und loslassen war eines.

„Vorsicht da unten!“ Julien hörte die Stimme und sah einen Körper von oben herunterfallen. Er reagierte reflexartig. Koffer und Seesack fielen zur Seite, er stürzte vorwärts und fing den Fallenden auf. Die Wucht des Aufpralls war so stark, dass Julien rücklings zu Boden fiel. Den anderen ließ er nicht los. Der Aufprall hatte ihm die Luft aus den Lungen gequetscht und während er versuchte, wieder zu Atem zu kommen, machte er die angenehme Entdeckung, dass es sich gar nicht um einen Mann handelte, den er da in den Armen hielt, sondern um eine recht aparte Brünette. Während des Sprungs hatte Peta ihre Mütze verloren und hellbraune Haarsträhnen hingen ihr jetzt wirr ins Gesicht. Julien fand die ganze Situation gar nicht mal so übel und er wollte gerade eine passende Bemerkung anbringen, als ihn ein finsterer Blick aus hellgrünen Augen traf. „Blödmann“, fauchte sie und rappelte sich auf. Julien überlegte verzweifelt, was er falsch gemacht hatte, als ihm plötzlich ein merkwürdig gefärbtes Katzenvieh auf die Brust sprang und ihm zärtlich ins Gesicht pustete. „MUUUUUH!“ machte Mags.
„Was für ein Zufall“, stellte der Kapitän erfreut fest, „hier haben wir unseren Navigrator.“ Navigrator? Julien klemmte sich die Katze unter den Arm und stand auf.
„Peta?“ Sebastien wandte sich an die junge Frau, die sich noch immer den Staub von den Kleidern klopfte. „Peta, das ist Julien Drake, unser neuer Sicherheitsbeauftragter. Drake, unser Navigrator, Peta Tane.“ Peta nickte Julien nur kurz zu und kümmerte sich dann um ihren Seesack, der ein Stück neben dem Denkmal gelandet war. Der Aufprallschutz hatte sich rechtzeitig eingeschaltet, ein kleines Antigravgerät hatte dafür gesorgt, dass die Tasche nicht auf den Boden geknallt war und nun schwebte sie ca. 30 Zentimeter über dem Boden. Julien verzichtete auf eine großartige Begrüßung und tippte nur freundlich mit zwei Fingern an die Schläfe. Mehr war wohl nicht nötig. Er fragte sich nur, warum sie so frostig reagierte. Außerdem versuchte er immer noch, hinter die Bedeutung des Wortungetüms zu kommen. Als Tane war sie ganz klar der Navigator der EMERALD EVE. Aber Navigrator? Hatte er den Kapitän missverstanden? Dieser pflückte ihm jetzt die Katze vom Arm „Und hier hätten wir Mags, unseren Schiffskater und Schriftführer, sozusagen“, Sebastien lachte über seinen Witz, dessen Pointe sich Julien irgendwie entzog. Er klopfte sich nun ebenfalls den Staub von der Hose und prüfte dann die Schlösser seines Waffenkoffers, den er vorher so achtlos fallen gelassen hatte. Doch der Waffenkoffer war für eine deutlich höhere Belastung ausgelegt und so konnte er beruhigt feststellen, dass nichts passiert war. Peta hatte den Antigrav ihres Seesacks ausgeschaltet und hob ihn sich wieder auf die Schulter. Julien tat es ihr nach. Kapitän Sebastien schob sich Mags auf die Schulter und die Mütze in den Nacken.
„Die anderen sind schon alle an Bord und die Starterlaubnis ist schon erteilt“, informierte er sie. „Gleich nach den Checks können wir starten.“ Er kramte in seiner Jackentasche und zog einen Sicherheitsausweis hervor, den er ohne große Umstände Julien an die Jacke steckte. Dann setzte er in aller Ruhe seinen Weg fort, dem nordöstlichen Ausgang zu. Julien ließ Peta den Vortritt und marschierte nachdenklich hinter ihr her. Ihm dämmerte langsam, dass dies wohl doch kein so durchschnittlicher Auftrag werden würde. Der Kapitän ein Komiker, dazu ein pinselohriger Schiffskater und eine Tane die so gar keine Dankbarkeit zeigte für Rettung aus großer Höhe. Ganz im Gegenteil, Blödmann hatte sie ihn genannt. So wie es aussah, war damit der Grundstein für die Beziehung zwischen ihnen gelegt. Auf den Rest der Mannschaft konnte man wirklich gespannt sein.


Sie mussten nicht über das Rollfeld laufen, sondern konnten direkt über den Versorgungstunnel ins Schiff, ein Umstand, den Julien bedauerte, da er normalerweise Wert darauf legte, sich auch einen Überblick von außen zu verschaffen. Doch Kapitän Sebastien schien es eilig zu haben und so konnte er nur hier und da durch die transparenten Wände des Tunnels einen Blick auf die EVE werfen. Viel zu sehen gab es natürlich nicht, hauptsächlich die silbern schimmernde Außenhülle des Schiffes, sanft gebogen und gut gepflegt. Für ein Frachtschiff schien sie recht klein zu sein.
Er war gespannt auf die Bewaffnung der EVE. Allzu groß würde sie nicht sein. Er konnte sich nicht erinnern, je gehört zu haben, dass die EVE in einen Piratenangriff verwickelt gewesen war. Vermutlich war ihre stärkste Waffe ihre Geschwindigkeit und Wendigkeit. Und natürlich die Tatsache, dass ihr Scout ein Tane war, der sämtliche Passagen und Knotenpunkte der Fernrouten kannte. Und jetzt hatten sie sich, ohne es zu wissen, zur Verstärkung einen Mac ins Team geholt. Wer wohl bis jetzt für die Sicherheit und Verteidigung zuständig gewesen war? Vermutlich ein Offizier, zusätzlich zu seinen eigentlichen Aufgaben. Julien rechnete nicht mal damit, einen Geschützführer vorzufinden. In Gedanken machte er sich bereits Notizen. Zuerst würde er sich die Schiffspläne anzeigen lassen. Er benötigte Informationen über Größe und Form der EVE, ihre Besatzung, ihre Fracht, ihre Zielhäfen. Alles was er sonst vor Beginn einer Fahrt in Erfahrung brachte. Doch dieses Mal war alles so schnell gegangen. Er hatte nach seiner Zusage gerade noch Zeit gehabt, seine Sachen zu packen, die Familie abzuküssen und schon war er im Hotel in Nuovit gewesen. Und die Terminals in den Hotels die Küste entlang waren nicht gerade dazu geeignet, vertrauliche Daten abzurufen.
Ganz in Gedanken versunken hatte er gar nicht bemerkt, dass sie das Ende des Tunnels erreicht hatten. Beinahe wäre er in Peta hineingelaufen, als diese stehen blieb. Erstaunt hob er den Kopf und stellte fest, dass sie die Materialschleuse erreicht hatten. Diese war durch eine Laserschranke gesichert. Die Sicherheitskontrolle des Schiffes tastete seinen Ausweis ab und nach der positiven Identifizierung als Crewmitglied konnte er das Schiff betreten.
"Willkommen an Bord", begrüßte ihn der Kapitän und salutierte scherzhaft. Dann wurde er übergangslos ernst. "Ich muss vor dem Start noch einiges vorbereiten. Lassen Sie Ihr Gepäck hier. Unser Quartiermeister wird sich darum kümmern." Julien wollte widersprechen, doch Sebastien ließ ihn nicht zu Wort kommen. "Ich weiß, was Sie sagen wollen, Drake. Keine Sorge, Ihrem Waffenkoffer passiert schon nichts, Tjus wird gleich hier sein. Wir haben nicht viel Zeit und ich brauche Peta nachher noch in der Zentrale." Peta hatte ohne große Umstände ihren Seesack an die Wand gelehnt und war an die Kontrolle des Lifts getreten. Der Kater war bereits mit angelegten Ohren hineingesprungen. „Ich bin in fünf Minuten auf meiner Station", versicherte sie und wollte in den Lift springen, doch der Kapitän hielt sie zurück. „Moment noch, Peta, ich möchte, dass Sie Drake einen kurzen Überblick über die EVE verschaffen.“ „Aber meine Checks vor dem Start?“ protestierte Peta. „Keine Sorge, einen Teil kann Nikos erledigen. Und Sie sollen ihm ja nicht das ganze Schiff zeigen, nur hinunter zu Bent und dann können Sie ihn bei Tjus abliefern, der kümmert sich um den Rest.“
Peta schaute nicht gerade begeistert drein, doch sie würde wohl nicht drum rum kommen. Bis jetzt war es nur eine Bitte, die sich aber schnell in einen Befehl umwandeln konnte. Der Kapitän mochte gute Gründe haben, wenn er so kurz vor dem Start den Neuen auf eine Schiffsführung schickte. Ob er ihn aus dem Weg haben wollte? Ihre Miene hellte sich ein wenig auf. „Was ist mit Sen und Lon? Sollen wir auch bei ihren Stationen vorbei?“ erkundigte sie sich. Sebastien überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf. „Nein, das würde zu lange dauern, das erledigen wir nach dem Start. Runter in den Maschinenraum und rauf ins Kasino, das reicht für den Anfang.“ Peta nickte „Also einmal quer durchs Schiff.“ Sie legte den Kopf schief und sah Julien, der bis jetzt abwartend daneben gestanden hatte, fragend an. „Haben Sie Erfahrung mit einem Antigravitationslift?“ wollte sie wissen. „Kein Problem, ich komme mit der Schwerelosigkeit ganz gut zurecht“, versicherte er ihr. „Gut!“ sie trat mit ihm vor den Lift, beugte den linken Arm und schob den Ärmel ihrer Jacke zurück. Darunter kam ein ca. 10 cm breites mattsilbern schimmerndes Armband zum Vorschein. Die Schalter und Taster, die darin eingelassen waren, leuchteten in der Gangbeleuchtung geheimnisvoll auf wie Edelsteine. Wenn Julien bis jetzt nicht gemerkt hätte, dass sie eine Tane war, so hätte er es spätestens jetzt gewußt, als er den Kommunikator sah. Ihn als Computer zu bezeichnen, wurde der Sache nicht gerecht. Mit diesem eigentlich unauffälligen Gerät war ein echter Tane in der Lage, von überall her über die Positronik in die Geschehnisse einzugreifen. In diesem Fall, um die Schwerkraft im Liftsystem anzupassen. „Wir müssen nur ein Deck tiefer“, erklärte sie ihm, ergriff seinen Arm und schob ihn in den Liftschacht. Gemeinsam schwebten sie sanft nach unten. Er sah, dass sich die Farbe der Schachtwände veränderte und als sich ihr Griff um seinen Arm verstärkte, machte er ohne groß nachzudenken einen Schritt nach vorne und stand wohlbehalten auf dem nächsten Deck. Peta deutete mit der Hand nach links und er ging in die gewünschte Richtung. Die ersten Meter legten sie schweigend zurück und Julien sah sich interessiert um. Sie befanden sich in einem langen Gang, auf dem drei Personen gut nebeneinander Platz gehabt hätten. Auch hier war alles gut gepflegt, der Gang war gut ausgeleuchtet. „Was für ein Schiffstyp ist die EMERALD EVE eigentlich?“ fragte er dann unvermittelt. Peta warf ihm einen rätselhaften Blick zu. „Die EVE gehört zur Duan-Klasse, kleinstes Modell. Sie ist etwa 80 Meter lang und 20 Meter hoch, leicht oval, mit angesetzten Tragflächen.“ „Ah, ein fliegendes Drachenei!“ stellte er fest: Wie passend! Peta lächelte. „Ja, so wird der Typ auch genannt. Die EVE ist kein regulärer Frachter, dafür ist sie zu klein. Wir bleiben auch nicht monatelang im Raum. Meistens werden wir für Expressfracht eingesetzt. Auch für Expeditionen werden wir öfters gechartert. Transport von Ausrüstung und Forschern. Die EVE verfügt über einige Gästekabinen, nicht gerade erster Klasse, aber doch bequem genug für eine längere Reise.“ Julien hörte interessiert zu, unterbrach sie aber nicht, in der Hoffnung, dass sie weiter sprechen würde. „Auf diesem Deck befinden sich die Zugänge zu unserem Hauptfrachtraum. Er erstreckt sich über drei Decks, kann aber in kleinere Sektionen eingeteilt werden. Auf dem Deck darüber gibt es noch ein paar separate Frachträume, für die exklusivere Ware. Genau unter uns ist der Maschinenraum und der Schiffsantrieb.“ Ihre Schritte halten leise in dem leeren Gang wieder. Es war angenehm, ihrer Stimme zu lauschen. Julien wollte gerne noch mehr erfahren. „Das sind also schon fünf. Wie viele Decks hat die EVE denn insgesamt?“ "Sieben. Über den Frachträumen kommt noch das Deck mit den Mannschaftsräumen und der Brücke und darüber das Observatorium." Das waren schon einige gute Informationen, die er da erhalten hatte. Bis jetzt war er noch nie an Bord eines fliegenden Dracheneies gewesen. Er wollte gerade zu dem ihm wichtigen Thema Bewaffnung kommen, als sie aufgehalten wurden.

„Na, kleiner intimer Rundgang?“ erkundigte sich eine Stimme und aus dem Schatten einer Nische löste sich eine kleine Gestalt und trat ihnen in den Weg. Julien musterte das nächste Mitglied seiner neuen Crew aufmerksam. Vor ihnen stand ein wirklich kleiner Mann mit dunklen
Haaren und einem spitzen Gesicht.
"Ach ne, Ratte!", kam es von seiner Begleiterin. Sie stemmte eine Hand in die Hüfte und schaute ihn herausfordern an. "Haben sie dich bei deiner letzten Kneipenschlägerei nicht einkassiert?"
'Ratte' grinste vielsagend. "Du weißt doch Puppe, ich bin wie Falschgeld, ich tauch immer wieder auf." Er starrte Julien neugierig an. Peta verstand die Aufforderung. "Julien, das hier ist Jean-Luc Tepasse, auch genannt Ratte. Der gute Jean-Luc ist unser Lagermeister. Er sorgt dafür, dass immer alles am rechten Platz ist." Dass sie ihm den Lagermeister als erstes vorstellte, sagte Julien, dass dieser rangmäßig unter ihm stand. Peta hielt sich korrekt ans Protokoll. Jetzt nickte sie in seine Richtung. "Das ist Julien Drake, er sorgt dafür, dass in Zukunft auch alles am richtigen Platz bleibt, er ist nämlich unser neuer Sicherheitsoffizier." Julien steckte die Hand aus und schüttelte Tepasse die Hand. Dieser hatte einen unerwartet kräftigen Händedruck. Julien fand zwar, dass er mehr an ein Wiesel erinnerte oder diese andere Marderart auf deren Name er gerade nicht kam. Doch Peta mochte gute Gründe haben, ihn Ratte zu nennen. Immerhin hatte er sie mit Puppe angesprochen, und war noch am Leben. „Drake...“ überlegte Ratte. „Julien Drake? Warst nicht du das mit der Ruby Rose und den Piraten von Moya?“ Er bekam ein sensationslüsternes Glitzern in den Augen. „Das musst du mir unbedingt mal erzählen. Und jetzt bist du also auf der EVE. Na ja, da fühlen wir uns doch alle gleich viel sicherer auf großen Fahrt. Ihr wißt nicht zufällig, wo die Reise hingeht?“
Peta schüttelte den Kopf. „Ein Schritt aufs Schiff und ich spiel Tourguide für unseren Neuen. Es war noch nicht mal Zeit für einen Lagebericht.“ Ratte sah sie misstrauisch an. „Sicher? Du bist der Scout! Dir MUSS er sagen, wo er hin will.“ „Hat er aber noch nicht“, langsam wurde sie ärgerlich. „Die Typen vom Raumhafen wollten mir das auch nicht glauben.“
„Was für Typen“, fragte Julien scharf. „Irgendwelche Raumfahrer. Unterste Klasse. Vielleicht Freunde von dir.“ Das ging an Rattes Adresse. Merkwürdigerweise ging der nicht darauf ein. „Was wollten die von Ihnen“, hakte Julien nach. „Der Kapitän muss seine Route beim Hafenmeister angegeben haben, das hat sich wohl rumgesprochen. Auf dem Festland habe ich sie abgehängt, aber sie wollten mich auf dem Transportband noch mal in die Mangel nehmen. Deshalb hab ich ja auch den Weg über das Sonnensegel genommen. Glauben Sie, ich mach das immer so?“ „Du hast dich ins Sonnensegel gehängt? Bist du verrückt geworden?“ Erstaunt schauten beide den aufgeregten Ratte an. Peta hob eine Augenbraue. „Aber was geht’s mich an, wenn du dir unbedingt den Hals brechen willst“, wiegelte er ab. „Hat doch alles geklappt, ich wäre sanft wie ne Feder zu Boden geschwebt, wenn der da nicht den Helden hätte spielen müssen.“ „Ich konnte doch nicht ahnen, dass da ne Tane auf mich drauffällt“, verteidigte sich Julien. „Deshalb hab ich ja ’Vorsicht’ gerufen und nicht ’zu Hilfe’ “, konterte Peta. Dann wandte sie sich wieder an den Lagermeister. „Was haben wir denn für ne Fracht geladen? Vielleicht bekommen wir ja dadurch heraus, wo es hingeht.“ Mit Ratte ging eine Verwandlung vor. Das Listige leicht Hinterhältige in seinem Gesicht machte einem Ausdruck höchster Sorge und Verwunderung Platz. Er nickte mit dem Kopf in Richtung Nische, aus der er gekommen war und Julien sah jetzt erst, dass sich dort ein Zugang zum Frachtraum befand. Ratte öffnete die Schleuse und betätigte einen Schalter. Der Frachtraum wurde gerade so weit erleuchtet, dass man sehen konnte, dass nichts zu sehen war. Er war vollkommen leer.

Julien legte den Kopf in den Nacken und schätzte die Entfernung zur Decke ab. Wenn der Frachtraum wirklich über drei Decks ging, dann konnte er die Größe der EVE so langsam einschätzen. Es war nicht nur das erste Mal, da
ss er mit einem fliegenden Drachenei flog, er war auch zum ersten Mal auf einem Schiff der Duan-Klasse unterwegs. Er rief sich in Erinnerung, was er über diesen Typ wußte. Es war eine Weiterentwicklung der Maris-Klasse, soviel war klar. Die ROSE war aus der Maris-Klasse gewesen. Die hatte er in guter Erinnerung, ein Schiff wie ein Eisbrecher, treu, zuverlässig und stabil. Die Duans waren schlanker, wendiger und schneller. Die größeren Modelle wurden wie die EVE zur Expressfracht eingesetzt oder zum Personentransport zwischen den Kolonien. Es gab sogar einige Exzentriker, die sich aus der Duan-Klasse eine Luxusyacht hatten bauen lassen.

Ratte und Peta wechselten leise ein paar Worte miteinander. Beide wirkten beunruhigt, fast schon besorgt. Julien konnte nicht verstehen, wo das Problem lag! Gut, sie flogen ohne Fracht los, na und? Das kam öfters vor, das war doch nichts Besonderes.
Ratte bemerkte Juliens Blick und sein Gesichtsausdruck wechselte wieder. Der Frachtmeister sah ihn lauernd an. Julien erwiderte den Blick gelassen. Wenn er von der ROSE und den Piraten wusste, dann wusste Ratte auch, dass er ein Mac war. Für diesen Moment schien er sein Wissen für sich behalten zu wollen, vermutlich wartete er auf eine besondere Gelegenheit, um es aller Welt zu verkünden. Innerlich zuckte Julien mit den Schultern. Früher oder später kam es sowieso heraus, warum sich deshalb den Kopf zerbrechen.

Irgendwo im Frachtraum schepperte etwas. Sie blickten in die Richtung. Ratte zog die Schultern hoch, steckte die Hände in die Tasche und verschwand ohne ein Wort zu sagen. Julien schaute ihm neugierig nach. „Kümmel und Schnecke“ informierte ihn Peta. Er sah sie irritiert an. „Kümmel und Schnecke“, wiederholte sie. „Sie sind zusammen mit Ratte für die Wartung und Pflege der EVE zuständig.“ Peta trat zurück auf den Gang und Julien folgte ihr. Er hoffte, dass sie mit ihren Ausführungen über die EVE weiter machen würde, aber sie schien sich immer noch in Gedanken damit zu beschäftigen, dass die EVE ohne Fracht losflog.
„Warum stört es dich, dass wir ohne Fracht starten“, wollte er wissen und benutze absichtlich die vertrauliche Anrede. „Das haben wir noch nie gemacht“, erwiderte sie, ohne auf das „Du“ einzugehen. „Kapitän Sebastien ist keine Profitgeier, aber er denkt sehr wirtschaftlich und eine Leerfahrt ist das nicht. Das heißt, sein Ziel ist sehr wichtig. Oder auch gefährlich, schließlich bist ja jetzt du an Bord.“ Julien grinste, sie hatte es also doch bemerkt.
„Ratte scheint ein interessanter Charakter zu sein“, meinte er dann, ohne weiter darauf einzugehen. „Mich wundert, dass er noch am Leben ist, schließlich hat er dich ‘Puppe‘ genannt.“ Peta lachte. „Dafür nenne ich ihn Ratte, wir sind also quitt!“ Julien hob nur vielsagend eine Augenbraue. „Also gut, Peta ist nur eine Abkürzung. Mein richtiger Name ist ziemlich peinlich. Ratte versucht schon seit Jahren, ihn herauszubekommen. Er denkt, wenn er mich Puppe nennt, fahr ich irgendwann mal aus der Haut und verrate es ihm.“
„Das muss ja ein furchtbarer Name sein“, lachte nun auch Julien. „Wenn du es Ratte erlaubst, dich Puppe zu nennen. Wahrscheinlich heißt du Petunia oder Papagena.“ Peta schüttelte den Kopf. „Netter Versuch, aber das wird nichts. Damit eins klar ist, ich heiße Peta und ich werde auf keinen anderen Namen reagieren.“
Ohne weiter darauf einzugehen, wechselte er das Thema. „Wie bekommt ihr eigentlich die Fracht in den Frachtraum? Durch die Materialschleuse?“ „Das wäre zu umständlich. Im Frachtraum läßt sich eine große Frachtluke öffnen. Wir sind sogar in der Lage, ihn hermetisch zu verschließen und können deshalb Fracht im offenen Raum aufnehmen und löschen.“
„Und Ratte ist für den Frachtraum und die Wartung zuständig? Er hat 2 Funktionen?“ Sie nickte. „Die EVE ist ein kleines Schiff und wir haben nur eine kleine Crew. Die meisten von uns haben eine Doppelfunktion.“ „Was machst du noch, außer der Navigation?“ „Ich bin für die Gravitation zuständig und gelegentlich auch für die für die Kommunikation.“ „Ne Menge Arbeit für einen allein. Das heißt also, wir haben keinen schnuckeligen Nachrichtenoffizier an Bord?“ Peta warf ihm einen undefinierbaren Blick zu. „Bedaure, aber für die Kommunikation ist die komplette Brückencrew verantwortlich, vielleicht ist ja für dich was zum Anhimmeln dabei.“ Julien warf Peta einen Blick von der Seite zu, meinte sie das ernst?
„Ich arbeite eng mit unserem Steuermann zusammen, er ist noch recht jung, macht seine Sache aber wirklich gut.“ „Das ist wohl Nikos? Kapitän Sebastien hat ihn vorhin erwähnt.“ „Ja“, bestätigte sie. „Mit vollem Namen Georgi Nikothanis. Er hat ein gutes Gefühl für das Schiff.“ Peta öffnete jetzt ein Schott und winkte Julien hindurch. Sorgfältig verschloss sie es wieder. Es ging eine schmale Wendeltreppe hinunter und sie mussten hintereinander gehen. Keine Chance, sich weiter zu unterhalten. Außerdem wurde ein merkwürdiges Summen laut, das Julien irritierte. Aber Peta ging unbeirrt weiter und er folgte ihr. Das Ende der Treppe war schnell erreicht, laut Petas Beschreibung mussten sie sich nun auf dem Maschinendeck befinden. Das erklärte wohl auch das Summen. Die Maschinen der EVE wurden für den Start vorbereitet. Julien betrat hinter Peta den Raum, der für manche das Herz des Schiffes war. Riesige Maschinen waren zu sehen, deren Bedeutung ihm nicht so recht klar war, ebensowenig wie die Computer und Schalttafeln, die eine ganze Wand einnahmen. Und dann das wahre Herz des Schiffes, sein Puls, sein Herzschlag ... der Reaktor.
„Bent?“ rief Peta und schaute sich suchend um. Im Hintergrund schaute ein Mann von dem Pult auf, über das er sich gebeugt hatte. Während er auf sie zukam, wischte er sich die Hände an einem Lappen ab, den er aus einer Tasche seines Overalls gezogen hatte. Julien unterdrückte ein Grinsen, als er dies sah. Die heutigen Maschinenräume hatten fast schon die Sterilität eines Operationssaales, aber die Maschinisten hielten an ihren Gewohnheiten fest, als wären sie noch an Bord eines Dampfschiffes und schippten Kohlen unter den Dampfkessel. Doch für diesen Job war der Mann, der langsam auf sie zukam, eindeutig nicht geeignet. Bent war fast so groß wie Julien, aber sehr schlank, fast schon dünn. Seinem weißen Haar zum Trotz hatte er ein junges Gesicht aus dem sie blaugraue Augen abweisend anblickten.
„Bent“, Peta sprach ihn ruhig, fast behutsam an. „Der Kapitän möchte, dass ich dir Julien Drake vorstelle, unseren neuen Sicherheitsoffizier. Julien, Bennet Laurent, unser Bordingenieur. Er ist für die komplette Energieversorgung und Lebenserhaltung an Bord zuständig.“ Dieses Mal hatte sich Peta nicht an das Protokoll gehalten und den höhergestellten Offizier zuerst dem Bordingenieur vorgestellt. Julien ignorierte es, da er sicher war, dass sie gute Gründe dafür hatte. Bennet ‘Bent‘ Laurent machte auf ihn einen sehr scheuen Eindruck. Die Laurents waren die Bewahrer des Wissens, die Lehrmeister der Clans und eigentlich waren sie es gewohnt, auf Fremde zuzugehen und sich ihrer anzunehmen. Aber es gab Ausnahmen und Bent war wohl eine davon. Er schien sich in ihrer Gegenwart nicht sehr wohl zu fühlen und zog ihr die Gesellschaft seiner Maschinen vor. Soweit kam Julien mit seinen Überlegungen, als Bent plötzlich einen Schritt nach vorne machte und ihm die Hand entgegenstreckte. Irritiert griff Julien zu. „Willkommen an Bord, Julien Drake!“ Bent hatte eine sehr tiefe Stimme, die man ihm gar nicht zutraute. „Entschuldige, dass ich so in Gedanken war“, wandte er sich dann an Peta. „Aber ich habe da noch ein Problem mit einigen Zuleitungen, dass muss vor dem Start behoben werden.“ Peta winkte ab. „Keine Sorge, ich brenne auch darauf, meine Station vor dem Start zu checken. Brauchst du Hilfe? Sollen wir Lon abziehen?“ „Nein, kein Bedarf, ich hab den Fehler gefunden. Kümmel besorgt mir schon das Ersatzteil.“ Peta verzog das Gesicht. „Ausgerechnet Kümmel!“ Bent kümmerte sich nicht weiter um sie, sondern musterte jetzt Julien. Sein Blick war nicht mehr abweisend zu nennen, eher durchdringend. Also doch ein echter Laurent, ein ‘Doc‘. Wie um Himmelswillen war er auf den Gedanken gekommen, der Mann wäre schüchtern! Seit er mit der EVE zu tun hatte, ging seine Fantasie mit ihm durch. Er musste sich zusammenreißen.
„Sie sind jetzt also für unsere Sicherheit verantwortlich“, stellte Bent fest. „Das wird Nate aber freuen.“ Seine tiefe Stimme hatte einen eindeutig schadenfrohen Unterton. Julien horchte auf. Nate? Der Name war bis jetzt noch nicht gefallen. Wer war das? Leider verfolgte Bent das Thema nicht weiter. „Wohin geht denn die Reise“, wollte er nämlich von Peta wissen. Diese zuckte mit den Schultern. „Wir wissen es nicht, der Kapitän hat bis jetzt noch nichts rausgelassen. Eines wissen wir aber ganz bestimmt. Wir fliegen ohne Fracht!“ „Ohne Fracht?“ wiederholte Bent und Julien konnte feststellen, dass er seine Besorgnis zwar besser verbarg als Ratte, aber sie war eindeutig da. Das gab ihm wirklich zu denken. Jetzt wurde Bents Blick wieder abweisend. „Keine Fracht“, murmelte er mehr zu sich selbst. „Und ein Spezialist für Sicherheitsfragen an Bord!“ Er schaute Julien nachdenklich an. „Du bist doch ein Spezialist?“ vergewisserte er sich. Julien schluckte und fuhr mit der Hand unter den Kragen seines Hemdes. Hatte er wirklich geglaubt, das wäre ein ganz gewöhnlicher Auftrag? Sein erster Eindruck von Kapitän Sebastien musste unbedingt überarbeitet werden. Eines war auf alle Fälle sicher, die Crew der EVE war äußerst ungewöhnlich. Wie um Himmels willen sollte er diese Frage beantworten, ohne gleich mit seinem Clan-Namen herauszukommen? Peta, die vor einem Terminal stand und etwas in ihren Communicator tippte, sprang für ihn ein. „Ratte hat da Informationen über die RUBY ROSE und den Überfall von Moya. Er war stark beeindruckt.“ Julien sah sie beinahe dankbar an. Bevor er auch etwas dazu sagen konnte, blinkten auf der größten Schalttafel mehrere Lichter auf.
„Ich muss mit meinen Checks für den Start fertig werden, wir sehen uns bestimmt später noch.“ Bent wandte sich wieder dem Pult zu, an dem sie ihn angetroffen hatten und Peta winkte Julien zu, ihr zu folgen. Sie verließen den Maschinenraum nicht über die Eisentreppe, sondern bestiegen eine kleine Magnetbahn, die vom Heck der EVE nach vorne zum Bug führte.


„Wer ist eigentlich Nate?“ rief Julien und versuchte, das Summen der Maschinen und das Geräusch des Fahrtwindes zu übertönen. „Wie bitte?“ Peta, die vorne saß, verstand kein Wort. Julien beschloss, die Frage später zu wiederholen, jetzt machte es keinen Sinn. In Gedanken stellte er Berechnungen an, wie schnell die Bahn etwa fuhr und wann sie wohl den Bug erreichen würden, doch auf halber Strecke hielt Peta die Magnetbahn an. Die Wagen wurden sanft abgebremst und kamen direkt vor einem Liftschacht zu halten. „Von hier aus kommen wir direkt zum zweiten Deck,“ erklärte sie ihm. „Brücke und Quartiere, richtig?“ vergewisserte sich Julien. „Richtig!“ sie nickte anerkennend. Sie drückte eine Taste auf ihrem Communicator, dann nahm sie wieder seinen Arm und gemeinsam betraten sie den Lift. Langsam schwebten sie nach oben. Julien betrachtete aufmerksam die Wände, wieder wechselten die Farben je Deck rbe. Er stellte fest, dass dieser Liftschacht die Lagerräume übersprang. Von hier aus hatte man keinen Zugang zur Fracht. Wieviel Liftschächte die EVE wohl hatte? 6 .. 5 .. 4 .. 3 ... Peta schlüpfte aus dem Lift und zog Julien hinter sich her. "Wir nennen diesen Lift 'Bents Privatlift' ", erklärte sie, während sie um eine Ecke bogen. “Er wird fast nur von ihm und Loen benutzt, um in den Maschinenraum zu kommen." "Wir anderen müssen also den anderen Weg gehen?" wollte Julien wissen. Peta zuckte mit den Schultern. "Du kannst gerne diesen hier benutzen, aber auf den Materialzug haben nur Bent und Loen Zugriff." Julien sah sie von der Seite an. "Du aber auch!" stellte er fest. Sie lächelte. "Dem Navigator stehen alle Wege offen ...", zitierte sie aus den RsT, den Richtlinien für das stellare Transportwesen. Julien grinste etwas schief. Ihm fiel bestimmt gleich eine passende Antwort dazu ein.

Sie erreichten eine Art Kreuzung.
"Geradeaus, ein Deck tiefer bist du wieder bei der Materialschleuse“, erklärte sie. "Hier geht es zu den Quartieren und in der anderen Richtung liegt die Brücke. Das Quartier des Kapitäns liegt direkt hinter der Brücke.“
„Gut zu wissen“, fand Julien. Er fragte besser nicht, hinter welcher Türe sich Petas Quartier befand. Sie wandten sich nach links und setzen somit ihren Weg in Richtung Bug fort.
„Eigentlich komisch.“
„Was ist komisch“, wollte Julien wissen.
„Naja, wir haben die Panoramarundschirme, eine hervorragende Ortung und die Navigation und trotzdem verlegen die Brücke immer noch möglichst weit nach vorne und möglichst auf das oberste Deck“, stellte Peta fest.
"Manche Angewohnheiten lassen sich eben einfach nicht abschalten. Soviel ich weiß, sollte die Brücke den früheren Seeleuten die bestmögliche Aus-, bzw. Übersicht bieten. Wie würdest du dich fühlen, wenn die Brücke unten im Maschinenraum wäre?" "Bei manchen Transportern ist das der Fall. Denk doch nur mal an die Isat-Klasse." erinnerte ihn Peta. "Soviel ich weiß, sind die Isat ohne Besatzung unterwegs, keine Quartiere, keine Mannschaftsräume, nur die Automatik und die Fracht", erwiderte Julien. „Es ist trotzdem komisch.“ Peta hielt vor einer Türe an. Dann grinste sie. „Mit Hilfe der Gravitationsfelder könnte ich die EVE auf den Kopf stellen und du würdest es nicht mal merken.“ Mit diesen Worten berührte sie mit der Hand einen Kontakt in der Wand und die Türe schob sich geräuschlos zur Seite. Sie betraten einen großen Aufenthaltsraum. Julien sah sich interessiert um. „Ist das die Offiziersmesse?“ erkundigte er sich. „Nein“, Peta schüttelte den Kopf. „Die EVE hat nicht genug Offiziere, dass es sich lohnen würde. Dieser Aufenthaltsraum ist für alle da.“ Sie legte den Kopf schief. „Bist du etwas ein Snob?“ Julien schüttelte den Kopf. Sie erklärte weiter. „Die Treppe dort hinten führt hoch zum Observatorium, bis dorthin reicht der Lift nicht. Es gibt noch einen Zugang weiter hinten bei den Quartieren und im Bug über die Brücke.“ Sie durchquerten den Raum.
Das Kasino konnte sich durchaus sehen lassen. Eine komplette Musik- und Multimedia-Anlage war vorhanden, bequeme Sofas und Sessel standen vor einem, natürlich, künstlichen Kamin, ein großer langer Tisch bot der kompletten Mannschaft Platz. Hier fanden sie Gesellschaft und Unterhaltung, hatten Platz für Arbeit und Hobbys. Peta steuerte auf eine Türe zu, wie sie Julien höchstens mal in einem nostalgischen Restaurant gesehen hatte, aber auf keinen Fall an Bord eines Schiffes. Es war eine zweigeteilte Schwingtüre, mit runden wunderbar geschliffenen Glasfenstern in Augenhöhe. Das heißt, Julien hätte sich bücken müssen, um durchsehen zu können. Aber das war nicht nötig, denn schon wurde der rechte Flügel schwungvoll von Peta aufgestoßen.
Neben der großen Arbeitsplatte mitten im Raum beugte sich ein Mann über etwas am Boden. Obwohl die Schwingtüre kaum ein Geräusch machte, hatte er sie doch gehört, denn er richtete sich hastig auf und versuchte, eine leere Thunfischdose unauffällig im Müllschlucker verschwinden zu lassen. Mags saß vor ihm auf dem Boden, leckte sich das Schnäuzchen und die Pfoten und schaute dann erwartungsvoll nach oben. Als er Peta sah, trippelte er auf sie zu und umstrich gurrend ihre Fußknöchel. Seufzend sah Peta auf den Schnorrer hinunter und dann, leicht vorwurfsvoll, hinüber zum Koch.
„Komm schon Peta“, reagierte der auf die stumme Anklage. „Wenn es ihm doch schmeckt.“

Der Mann sah so aus, als ob es ihm auch immer schmecken würde. Er war so groß wie Peta aber mindestens doppelt so breit, stämmig, kompakt. Widerspenstiges schwarzes Haar bändigte er mit einem Tuch, das er nach Piratenart um den Kopf geschlungen hatte. Schwarze Augen funkelten in einem vergnügten Gesicht. Augen, die Julien interessiert musterten. Peta übernahm wieder die Vortellung. „Julien, das hier ist Tjus van Aelst, der Smutje wie man so schön sagt. Tjus“, sie deutete auf Julien. „Julien Drake, unser neuer Sicherheitsoffizier.“ „Drake? Dann ist es ja fast schade, dass wir dir nur eine EMERALD EVE anbieten können und nicht die GOLDEN HIND.“ Tjus amüsierte sich köstlich. Julien lachte höflich über den oft gehörten Witz. Er kam ja noch gut bei der Sache weg, ganz im Gegenteil zu seiner Tante Francis. Ein Themenwechsel war angebracht, er musterte deshalb sein Gegenüber von Kopf bis Fuß. Die weiße Hose, das weiße Hemd und die erstaunlich weiße Schürze sprachen eine deutliche Sprache. „Smutje?“ vergewisserte er sich trotzdem. „Ich dachte, der Kapitän hat erwähnt, dass du der Quartiermeister bist.“ Tjus ging zu einer mächtigen Kaffeemaschine, die auf der Arbeitsplatte stand und goß frisch aufgebrühten Kaffee in eine bereitstehende, überdimensionale Thermoskanne. „Genaugenommen bin ich sogar der Zahlmeister hier an Bord“, erklärte er. „Ich hab dir doch erzählt, dass die EVE nur eine kleine Crew hat und die meisten von uns eine Doppelfunktion haben.“, kam es von Peta, die auf einen hohen Stuhl vor der Arbeitsplatte rutschte. „Ach ja richtig“, erinnerte sich Julien. „Du hast es vorhin erwähnt. Du und Ratte, ihr habt mehrere Aufgaben. Bent eigentlich auch?“ „Bent’s Aufgabe ist die Energieversorgung und Lebenserhaltung. Dazu zählt auch die ärztliche Versorgung“, erklärte Tjus, während er die Thermoskanne sorgfältig verschloss. „Bent ist der Arzt hier an Bord.“ Julien war von dieser Tatsache nicht gerade begeistert.
„Keine Sorge, er kümmert sich um uns fast genauso gut wie um seine Maschinen“, beruhigte ihn Tjus. "Aber wenn er in Gedanken versunken ist, kann es durchaus sein, dass er dich mit einer von ihnen verwechselt", fügte Peta etwas boshaft hinzu. "Und das ist nicht mal das Schlechteste, so besorgt wie er darum ist", versicherte ihm Tjus. „Bei der Gelegenheit, gibt es etwas, wofür du eine besondere Begabung hast, außer der Sicherheit, versteht sich?“ „Ich bin ein ganz passabler Gärtner", meinte Julien und wurde nur ein kleines bisschen rot im Gesicht. „Aber dafür habt ihr hier an Bord bestimmt keine Verwendung." Tjus dunkle Augen blitzten wieder vergnügt auf. "Zum Observatorium über uns gehört nicht nur eine fantastische Aussicht, sondern auch ein kleines Biotop /Garten?. Dort produzieren wir neben einem Teil des Sauerstoffes auch noch Kräuter und Gemüse für die Küche. Zen wird sich freuen, wenn er einen Teil der Gartenarbeit abgeben kann. " meinte Tjus und stellte die Thermoskanne vor Peta ab.
Julien wurde jetzt etwas ärgerlich. Er mochte die lockere Art der Crew wirklich! Keine Frage, sie gefiel ihm sogar besser als die streng militärische Disziplin an Bord manch anderer Schiffe. Er mochte auch die Arbeit im Garten und im Park von THE TOWERS. Für ihn war diese Arbeit fast schon meditativ, sie half ihm, sich nach seinen Einsätzen zu entspannen. Doch bevor der Kapitän nicht sein Aufgabengebiet mit ihm besprochen hatte, würde er sich hier garantiert nicht zur Küchengartendienst einteilen lassen. Er bemühte sich, sich die Verärgerung nicht anmerken zu lassen. Den amüsierten Blick, den Tjus und Peta wechselten, bemerkte er nicht, da er sich genauer in der Küche umsah. Sie hatte große Ähnlichkeit mit Tjus Schürze - blitzblank sauber! Die vorherrschenden Farben waren Weiß und Chrom, mit kräftigen smaragdfarbenen Akzenten. Diese Farbe zog sich wohl durchs ganze Schiff. Auf der Ruby Rose hatte es den Bezug zum Namen nicht gegeben, aber die war ja auch ein älteres Modell.
An den Wänden wechselten sich Vorratsschränke mit geschlossener und Glasfront ab - alles war gut durchdacht und organisiert. Den größten Platz nahm die Arbeitsplatte ein. Tjus konnte von allen Seiten gut an ihr arbeiten. Aber so wie er seine Gerätschaften angeordnet hatte, zog er es wohl vor, dahinter zu stehen. Die Stühle vor der Arbeitsplatte deuteten darauf hin, dass die Crew hier auch ihr Essen einnahm. An der Stelle, an der die Platte an die Wand stieß, hörte sie nicht auf, sondern wurde in einem großen Bogen herumgeführt und an der gegenüberliegenden Wand fortgesetzt. Auch dort standen Stühle. Julien machte sich nicht die Mühe, sie alle zu zählen, aber sie schienen für die ganze Crew zu reichen. Etwas das entfernt an einen Lastenaufzug erinnerte, erweckte seine Aufmerksamkeit. „Wo führt der denn hin?“ wollte er von Tjus wissen. Dieser hatte sich abwartend gegen die Arbeitsplatte gelehnt und gab jetzt bereitwillig Auskunft. „Der führt hinunter zum nächsten Deck. Einen der Frachträume direkt unter der Küche verwenden wir als Vorratslager, für Lebensmittel und einige Ersatzteile. Die großen Gefrierschränke stehen dort und ...“ „... und mindestens eine Million Dosen Thunfisch“, ergänzte Peta die Aufzählung und beobachtete Mags, der versuchte, mit einer Pfote eine Schranktür zu öffnen. Rasch schob Tjus ihn mit dem Fuß zur Seite. „Ich hoffe du magst Thunfisch“, warnte Peta Julien vor. „Denn der wird auf diesem Schiff garantiert nie ausgehen. Das und“, sie gab der Thermoskanne einen Stoß, „das und Kaffee! Tjus, ich hab‘s dir doch schon so oft gesagt, Thunfisch ist nicht gut für ihn.“ „Ich glaube nicht, dass er es fressen würde, wenn er es nicht verträgt“, meinte Tjus und kitzelte den Kater unter dem Kinn. „Eine Portion am Tag kann doch nicht schaden.“ „Wenn es bei einer Portion am Tag bleibt“, erwiderte sie. „Versprochen!“ Tjus schlug in Petas ausgestreckte Hand ein. „Du könntest auch mal wieder was vertragen“, er musterte sie abschätzend. „Ganz schmal bist du geworden.“ „He, ich war gerade mal drei Tage weg“; verteidigte sie sich lachend. „Das ist nur der äußere Eindruck“, kam es fast gleichzeitig von Julien. „Schaut aus wie wenn sie nur aus Beinen besteht, ist aber durchaus an den richtigen Stellen gepolstert.“
Die Temperatur im Raum sank merklich um mehrere Grad. Sie sprach es zwar nicht aus, aber er konnte das Wort deutlich in ihren Augen lesen. Blödmann. Tjus schaute neugierig von einem zum anderen. Aber bevor er etwas sagen konnte, kam ihm Peta zuvor. „Ich muss meine Station für den Start vorbereiten. Meine Aufgabe ist hiermit erledigt. Ich übergebe dir offiziell den neuen Sicherheitsoffizier.“ Tjus tippte sich mit der linken Hand gegen die Schläfe. Peta nickte ihm zu, rutschte vom Stuhl und ergriff die Thermoskanne. Mags versuchte nochmals sein Glück bei Tjus und schaute auffordernd zum Thunfischdosenvorrat hin. Aber der Smutje schüttelte bedauernd den Kopf „Nichts zu machen, Kumpel, du hast die Regeln gehört.“ Der Felsenkater benötigte nur ein paar Sekunden, um festzustellen, dass hier nichts mehr zu holen war und vergeudete keine Zeit. Er spannte den Körper an und sprang Peta auf die Schulter. Mit dem vertrauten Gewicht des Katers auf der Schulter und dem Kaffee für den Kapitän in der Hand verschwand sie in Richtung Brücke.

Bedauernd schaute Julien ihr hinterher. Hätte er doch bloß die Klappe gehalten. „Ich will gar nicht wissen, was passiert ist“, bemerkte Tjus und meinte eindeutig das Gegenteil. „Ein paar Anlaufschwierigkeiten, von denen ich dachte, sie wären behoben“, informierte ihn Julien. „Ist sie eigentlich immer so empfindlich“, wollte er dann wissen. „Hm, eher vorsichtig, würde ich sagen. Die Fianna haben sowieso einen schweren Stand.“ „Das ist richtig", stimmte ihm Julien zu. "Ich habe sie deswegen immer bewundert, sie ..." er unterbrach sich, aber es war zu spät. Hereingefallen! Hätte er dem kleinen Koch gar nicht zugetraut. Hinter dem listigen Lächeln verbarg sich ein wacher Verstand!
Die Fianna! Für die meisten war das ein sagenumwobener Stamm von mächtigen Kriegern aus dem Irland der alten Zeit. Aus den Zeiten von Tara, den Hochkönigen, den Bohaires und den Clans. Vielleicht nannten die vier Clans aus diesem Grund diejenigen ihrer Angehörigen die den Clansnamen trugen, Fianna. Denn obwohl es schon Generationen her war, dass die Clans die Geschicke der neuen Menschheit bestimmt hatten, so reagierten heute noch viele mit Ablehnung und Argwohn, ja beinahe schon mit Aggression, wenn sie auf Clanmitglieder stießen. Tjus hatte Recht! Jeder MacCollum, Tane, Laurent oder van Aelst hatte einen schweren Stand. Sie waren wirklich nicht zu beneiden.

Es gab absolut nichts, mit dem er sich herausreden konnte. Er kannte die Bedeutung der Fianna, da konnte er genauso gut die Karten auf den Tisch legen. „Es kommt relativ selten vor, gleich drei Fiannas auf einmal in einer Crew zu haben, und dann auch noch von drei verschiedenen Clans“, bemerkte er so nebenbei. „Das ist wirklich selten“, stimmte ihm Tjus van Aelst zu. „Und?“ „Und dazu noch einen Mac, das muss man erst mal übertreffen.“ Tjus nickte zustimmend. Wieder schaute er Julien von oben nach unten an. „Weiß der Kapitän Bescheid?" Julien zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, es wurde nicht darüber gesprochen. Aber wenn ich mir so die Crewmitglieder anschaue, die ich bis jetzt kennengelernt habe, dann gehe ich davon aus, dass er genau weiß, wen er sich da an Bord geholt hat.“
„Dann wollen wir mal hoffen, dass er nicht nur einen großen Namen gekauft hat“, hoffte Tjus.
Julien ignorierte die letzte Bemerkung einfach. „Bent der Ingenieur ahnt wohl etwas“, überlegte er.
„Ein Laurent ahnt nicht, ein Laurent weiß!“ erinnerte ihn Tjus.
„Dieser Tepasse weiß es ganz bestimmt, er kennt einen meiner früheren Aufträge.“ „Ratte? Das ist nicht gut, hat er was gesagt?“
„Nur Andeutungen,“
„Hm, er wird damit herausplatzen, wenn du nicht damit rechnest“, prophezeite Tjus. Julien schob die Hände in die Hosentasche. „Ist das nicht immer so?“ Leichte Resignation schwang in seiner Stimme mit. Aufmunternd schlug Tjus ihm auf die Schulter. „Ich zeig dir jetzt erstmal dein Quartier.“

Sein Quartier war in Ordnung. Er war schon schlimmer untergebracht worden. Neben einem Schlafzimmer standen ihm ein eigenes kleines Bad und ein kombinierter Wohn/Arbeitsraum zur Verfügung. Sein Seesack und sein Waffenkoffer standen im Wohnraum. Bevor er seinen Seesack ins Schlafzimmer brachte, schaute Julien sich seinen Waffenkoffer ganz genau an. Es war kein Versuch unternommen worden, ihn zu öffnen. Jedes unbefugte Öffnen hätte Zeichen hinterlassen. Zufrieden schleppte er seinen Seesack ins Schlafzimmer und ließ ihn aufs Bett fallen. Nachdenklich schaute er darauf, drehte sich dann um und verließ sein Quartier. Er wollte zur Brücke. Auspacken konnte er auch noch später. Petas Erklärungen noch im Ohr ging er den Weg zurück bis zum Kasino und von dort weiter zur Brücke.

Die Brücke der EVE war genauso angeordnet wie auf allen anderen Schiffen. Jeder Raumfahrer würde sich ohne Probleme auf ihr zurechtfinden. Der Zugang zur Brücke lag im hinteren Teil, hinter der Station des Kapitäns. Rechts davon befand sich die Kommunikationsstation, ihr schlossen sich die Stationen für Gravitation und Navigation an. Auf der gegenüberliegenden Seite waren die Waffenzentrale und die Ortung untergebracht. Direkt vor dem Kapitän war der Platz des Steuermannes. Bis jetzt hatte noch niemand bemerkt, dass Julien die Brücke betreten hatte. Der Kapitän saß auf seinem Platz und trank Kaffee aus einem großen Becher mit smaragdgrüner Aufschrift. An der Station des Gravitationsoffiziers war Peta damit beschäftigt, Skalen zu justieren, ein junger, dunkelhaariger Mann unterstütze sie dabei. Das musste Nikos sein. Doch Julien interessierte sich mehr für den anderen, ihm unbekannten Mann an der Ortungszentrale. Auch er war dunkelhaarig, aber von seinem Standort aus konnte Julien nur dessen Profil erkennen. Eine gerade Nase, ein energisches Kinn. Mit den kurzgeschnittenen Haaren und der perfekt sitzenden Uniformjacke verströmte er eine militärische Disziplin, die Julien bis jetzt an Bord der EVE noch nicht begegnet war. Er wollte sich gerade bemerkbar machen, als ein Signal ertönte und auf dem Schaltpult der Waffenzentrale fast zeitgleich zwei Kontroll-Lämpchen grün aufleuchteten. „Steuerbord- und Backbordgeschütze melden volle Einsatzbereitschaft“, erstattete der Mann, von dem Julien vermutete, dass es sich um den ersten Offizier der EVE handelte, mit kühler Stimme Bericht. Kapitän Sebastien nahm erst einen Schluck Kaffee, bevor er seine Anweisung gab. „Sie sollen die Geschütze noch einmal überprüfen und dieses Mal auf Qualität achten und nicht auf Geschwindigkeit.“ Der Erste nickte und drehte sich um, um den Befehl weiterzugeben. Dabei geriet Julien in sein Blickfeld. Der Blick des Ersten war genauso kühl wie seine Stimme. Der Kapitän, der es von seiner Nummer Eins nicht gewohnt war, dass er Befehle zurückhielt, drehte sich nun ebenfalls um, um zu sehen, was ihn aufhielt und entdeckte Julien. „Ah Drake, da sind Sie ja. Haben Sie alles gut vorgefunden?“ Julien, der dies als offizielle Erlaubnis betrachtete, die Brücke zu betreten, nickte und trat näher. „Ja Danke, Kapitän, ich hatte eine wirklich gute Einführung.“ Julien stand stramm. Er wollte zeigen, dass auch er eine gute militärische Ausbildung genossen hatte. Außerdem vermied er es, in Petas Richtung zu schauen. Der Erste hatte inzwischen den Befehl an die Bordgeschütze weitergeleitet und stand nun ebenfalls wieder vor dem Kapitän. Peta und der junge Mann hatten ihre Arbeit unterbrochen. Alle warteten darauf, dass der Kapitän den Neuen dem Ersten vorstellte, oder umgekehrt, das Protokoll war da etwas knifflig. Kapitän Sebastien sah darin kein Problem.
„Nate, dies hier ist Julien Drake. Ich habe ihn für diese Fahrt als Sicherheitsoffizier angeheuert. Drake, Nathaniel Simeon, erster Offizier der EMERALD EVE. Sie beide werden eng zusammenarbeiten.“ Julien achtete sowieso nie auf Rangfolgen, der Erste war jetzt sowieso interessanter. Sie standen sich locker gegenüber, schauten sich an, schätzen sich ab. Beide waren nahezu gleich groß, doch der erste Offizier war in den Schultern nicht ganz so breit wie Julien. Der Blick von Nate war immer noch kühl und distanziert. Julien blieb ebenfalls zurückhaltend. Er konnte den Mann schwer einschätzen. Irgendwie paßte er nicht so recht zu dem Teil der Mannschaft, den er bisher kennengelernt hatte. Aber vermutlich würde er selbst auch ablehnend reagieren, wenn ein Fremder kam und ihn in seinen Kompetenzen einschränken würde, auch wenn es der Kapitän so angeordnet hatte. Julien beschloss abzuwarten. Er nickte dem Ersten leicht zu. „Simeon!“ Nate bequemte sich ebenfalls zu einem knappen Nicken. „Drake!“ erwiderte er ebenso kurz. Dann wandte sich Nate wieder seinen Aufgaben zu und Julien ging die paar Schritte zu Peta und ihrem Helfer hinüber. Er war gespannt, wie sie reagieren würde. Zuerst beachtete sie ihn gar nicht und beendete den Check mit dem sie gerade beschäftigt war. Der junge Mann hakte den Punkt auf seiner Folie ab und schaute Julien dann gespannt entgegen. Dieser beschloss, die Prozedur abzukürzen. Für seinen Geschmack war er heute einmal zu oft offiziell vorgestellt worden. Deshalb wandte er sich direkt an ihn. „Du mußt der Steuermann sein, von dem ich schon gehört habe. Ich bin Julien Drake.“ Der junge Mann ergriff die Hand, die ihm entgegengestreckt wurde und drückte sie fest. „Ich bin Georgi Nikothanis, der Steuermann, aber alle sagen Nikos zu mir. Willkommen an Bord, Mr. Drake.“ „Julien!“ korrigierte dieser, der offene freundliche Blick des Jungen war eine Wohltat im Vergleich zur Begrüßung des ersten Offiziers und Petas zurückhaltendem Verhalten. Er konnte die beiden durchaus verstehen. Nikos warf einen Blick zu Peta hin und grinste Julien an. Dann nahm er die Checkliste wieder auf und hakte die Punkte ab, die Peta ihm nannte. Julien hoffte, dass er keinen Ärger bekam, weil er ihn so freundlich begrüßt hatte. Anderseits fragte er sich, ob er wohl wußte, warum Peta so kühl war, sein Verhalten sprach eindeutig dafür.

Julien hatte nun wohl die meisten Mitglieder der Crew kennengelernt. Besonders viele konnten nicht mehr kommen, schließlich sollte die EVE nur eine kleine Besatzung haben. Er lehnte sich gegen den Sitz des Funkers und schaute nachdenklich zur Waffenzentrale hinüber. Die EVE hatte also 2 Bordgeschütze, die im Moment besetzt waren. Er betrachtete seine Stiefel und versuchte, seinen Ärger zu unterdrücken. Die Führung durch das Schiff war aufschlussreich gewesen, keine Frage, er hatte von Peta viel erfahren. Doch die beiden Bordgeschütze wären für ihn interessanter gewesen. Für einen kurzen Moment hat er die Navigatorin in Verdacht, ihn absichtlich nicht dorthin gebracht zu haben, doch dann fiel ihm ein, dass es der Kapitän gewesen war, der die Route festgelegt hatte und Julien musste sich eingestehen, dass er dort kurz vor dem Start nur gestört hätte. Kapitän Sebastien hatte die Situation eindeutig im Griff. Julien würde zum gegebenen Zeitpunkt alle Informationen erhalten, die er benötigte.
Das Signal ertönte wieder. Er schaute auf und sah, dass erst eines der beiden Lämpchen aufleuchtete und kurz danach das zweite. „Steuerbordgeschütz meldet volle Einsatzbereitschaft, Backbordgeschütz ebenfalls“ gab der erste Offizier bekannt. Nikos hakte einen weiteren Punkt auf seiner Folie ab, übergab sie dann Peta und ließ sich auf dem Platz des Steuermanns nieder. „Kommunikation ist startklar, Gravitation normal, Navigation wartet auf Kurs“, informierte sie den Ersten. Dieser nahm die Information mit einem bestätigenden Nicken zur Kenntnis und drückte dann eine Taste an der Ortungsstation. „Ja doch“, konnte Julien Bents gereizte Stimme kurz darauf vernehmen. „Ich gebe Bescheid, wenn hier alles klar ist.“ Julien senkte den Kopf, damit niemand und ganz besonders Nate nicht sein Schmunzeln sah. Wie hatte er nur glauben können, Bent wäre schüchtern und zurückhaltend. Nate war keine Regung anzumerken, als er sich an den Kapitän wandte, doch dieser winkte ab. „Sobald der Maschinenraum voll einsatzbereit ist, starten wir. Peta, lassen Sie sich von der Abflugkontrolle ein Zeitfenster und die Startkoordinaten geben.“ „Ai Capt’n. Soll ich auch gleich um Landeerlaubnis für LunaPort bitten?“ Peta rutschte auf den Sitz des Funkers und kümmerte sich nicht um Julien, der immer noch dagegen lehnte. Sie stülpte sich die Kopfhörer über die Ohren. „Das wird nicht nötig sein. Wir fliegen nicht über Luna, unser nächstes Ziel ist Charon.“ Peta unterbrach ihre Tätigkeit nur für einen Moment und fuhr dann fort, Kontakt zur Abflugkontrolle aufzunehmen. Die Tatsache, dass sie über den Plutomond Charon das System verließen, schien genauso außergewöhnlich zu sein, wie ohne Fracht zu starten.

„Abflugkontrolle Port Victoria Island, hier ist die EMERALD EVE. Wir sind startbereit und bitten um Startkoordinaten.“
„EMERALD EVE hier ist Abflugkontrolle Port Victoria Island. Wie ist ihr Status?“
„EMERALD EVE an Abflugkontrolle. Alle Checks positiv, Starterlaubnis wurde bereits erteilt. Wir bitten um ein Zeitfenster und Koordinaten.“
„Abflugkontrolle Port Victoria Island an EMERALD EVE. Bitte geben Sie Ihren Zielhafen an.“
„EMERALD EVE an Abflugkontrolle: Unser Zielhafen ist Port Charon im System Pluto.“
„Abflugkontrolle Port Victoria Island an EMERALD EVE: Bitte geben Sie Ihre weiteren Zielhäfen an.“
„EMERALD EVE an Abflugkontrolle: Unseren nächsten Hafen geben wir auf Port Charon an, wie es das Protokoll vorsieht. Wir bitten um unsere Startkoordinaten.“ Petas Stimme war nichts anzumerken, aber so wie sie die Augenbrauen zusammenzog konnte Julien sehen, dass sie langsam ärgerlich wurde. Normal war das nicht. Wenn die Starterlaubnis vorlag, gab es keinen Grund für die Abflugkontrolle, all diese Fragen zu stellen. Warum musste Julien plötzlich an die Raumfahrer denken, die Peta auf dem Laufband aufgelauert hatten?
Von der Abflugkontrolle kam keine Antwort.
„Abflugkontrolle, hier ist die EMERALD EVE. Wir bitten um Startkoordinaten“ wiederholte Peta in einem schärferen Ton.
„EMERALD EVE hier ist Abflugkontrolle Port Victoria Island“, erklang plötzlich eine neue Stimme aus dem Lautsprecher. „Bitte entschuldigen Sie die Verzögerung. Ihre aktuellen Koordinaten sind Alpha 2 - Ihre Starkoordinaten sind November 15, Ihr Zeitfenster ist ab jetzt in 100 Zeiteinheiten plus 15. Wir wünschen guten Start und guten Flug.“
„EMERALD EVE an Abflugkontrolle: Wir bestätigen Koordinaten November 15 in 100 Zeiteinheiten plus 15. Vielen Dank, Ende.“

Peta unterbrach die Verbindung, warf die Kopfhörer aufs Pult und rutschte auf den Platz des Navigators. Ihre Finger glitten über die Tasten und Schalter und gleich darauf leuchtete der gut sichtbare Countdown auf. Vor dem Platz des Steuermanns und der Ortung erschien eine Karte des Raumhafens in einem Koordinatengitter. Die EVE war darauf als grüner Punkt markiert, die Startkoordinaten blinkten in einem dunklen Blau auf. Erst dann wandte sich Peta an den ersten Offizier.
„Der Countdown beginnt bei 100 plus 15, die Startkoordinaten sind markiert.“

„Soll ich den Weg durch den Tunnel berechnen? Bei einer voraussichtlichen Landung in ca. 200 Minuten müssten wir jetzt die Landeerlaubnis auf Port Charon beantragen.“ Peta sah den Kapitän fragend an, ihren Kopfhörer hatte sie schon zwischen den Fingern.
Kapitän Sebastien betrachtete nachdenklich den obligatorischen Kaffeebecher, den er in der Hand hielt. Er nahm einen Schluck.
„Nein, wir bleiben im Normalflug. Es gibt noch einiges zu tun vor der Landung. Ich will gegen 18:00 Uhr Systemzeit dort ankommen. Berechnen Sie den Kurs und die dafür notwendige Kapazität. Um die Landeerlaubnis kümmern wir uns, wenn wir im Raum sind.“ Sebastien kippte den Rest seines Kaffees hinunter und griff gleich darauf nach der großen Thermoskanne. Nikos war Peta einen verstohlenen Blick. Diese blickte starr auf ihre Bildschirme, ihre Finger huschten nur so über die Schalter und Tasten. Julien kombinierte daraus, dass der Normalflug ebenfalls von der Routine abwich.
„Für eine Flugzeit von 10 Stunden genügt es, wenn wir mit 65% unserer Energie fliegen.“

„Maschinenraum an Brücke! Maschinen sind startklar!“ Wie aufs Stichwort kam die Meldung aus dem Maschinenraum. Nikos beugte sich näher an seine Kom-Einheit.
„Brücke an Maschinenraum! Start ist in 95 +15. Maschinen hochfahren für den Start, danach fliegen wir mit 65%.“
„65%? Und dafür macht ihr so einen Aufstand? Warum fliegen wir nicht gleich nur mit halber Kraft?“ Für Bent kam es fast einer persönlichen Beleidigung gleich, wenn seine Maschinen nicht ihre volle Leistung zeigen durften.
„Negativ, Maschinenraum. Wir benötigen exakt 65% um rechtzeitig zur HAPPY HOUR im "Drachen" zu sein.“ Nikos machte der Dialog sichtlich Spaß. Julien hatte den Verdacht, dass dies alles zu einer Art Startritual gehörte.
„Oho, wenn das so ist, dann will ich nicht Schuld daran sein, wenn ihr zu spät zu eurer Cocktailstunde kommt.“ Bents Sarkasmus tropfte nur so aus den Lautsprechern. Nikos grinste. Drinks mit Schirmchen waren bei echten Raumfahrern verpönt.
„Alle Maschinen auf Start in 80.“ wiederholte der Steuermann und trennte die Verbindung zum Maschinenraum.

„Maschinenraum meldet alle Maschinen startklar“, gab Nikos die Meldung offiziell weiter. Tonfall und Haltung des Steuermanns waren vorbildlich, doch Julien wurde den Verdacht nicht los, dass sich Nikos innerlich vor Lachen schüttelte.
Der erste Offizier hakte den letzten Punkt auf seiner Checkliste sorgfältig ab. Genauso sorgfältig legte er sie dann in das dafür vorgesehene Fach neben dem Pult der Ortungseinheit. Vorschriftsmäßig machte er Meldung an den Kapitän.
„Sämtliche Stationen wurden gecheckt und sind einsatzbereit. Start ist 95, alle Maschinen klar bei 80.“
„Sehr gut!“ lobte Sebastien seine Nummer eins. „Übernehmen Sie hier.“ Der Kapitän stand auf, schenkte sich seinen Becher voll und bedeute Julien, ihm zu folgen. Bis zum Ablug war noch genug Zeit, um dem neuen Sicherheitsoffizier einen ersten Überblick über sein neues Aufgabengebiet zu übermitteln.

Exakt 80 Minuten später leuchte auf dem Pult des Steuermanns eine Skala auf. Schnell baute sich der farbige Balken auf. Er leuchtete grün, zitterte kurz im roten Bereich und pendelte sich dann auf der obersten grünen Skala ein. Bent und die Maschinen der EMERALD EVE waren startklar. Kapitän Sebastien saß wieder auf seinem Platz, die obligatorische Tasse Kaffee in der Hand. In der vergangenen Stunde hatte er mit seinem Sicherheitsoffizier dessen neues Aufgabengebiet durchgesprochen. Julien hatte einen Stapel Folien und sogar Ordner voll Papieren erhalten. Der Kapitän hielt wohl nicht viel von vertraulichen Daten im Datensystem. Julien hatte Informationen über die EVE und die Mannschaft erhalten. Und über die Waffensysteme. Er brannte darauf, sich alles durchzulesen und anzuschauen. Doch zuerst wollte er noch den Start mitverfolgen. Man erfährt viel über die Teamfähigkeit einer Crew während der Startvorbereitungen.
...


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